Odesa: Getreidehafen, kein Weinhafen
Warum der Knotenpunkt Odesa entgegen der Erwartung kaum mit Wein zu tun hatte.
Wer in Odesa eine Weinhauptstadt sucht, wird enttäuscht, und das ist für sich genommen ein Befund, den man aussprechen sollte.
Die jüdische Wirtschaft Odesas zeichnete sich durch die Rolle der Juden im Getreideexport über den Hafen aus, im Großhandel, im Bankwesen und in der Industrie. Getreide, nicht Wein, war die Ware, um die herum Kapital, Vermittlung und Logistik entstanden.
Der Einstieg in diesen Handel kam von unten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beschränkte sich die jüdische Beteiligung am Getreideexport auf den Ankauf in Dörfern und auf Gütern sowie auf die Vermittlung als Unteragenten der großen griechischen, italienischen und französischen Exporthäuser. Um 1838 waren Juden bereits gut unter den Exporteuren selbst vertreten.
Die Gemeinde war groß: 1897 lebten in der Stadt 138.935 Juden bei 403.815 Einwohnern, mehr als ein Drittel der Bevölkerung. 1910 gehörten Juden 56 Prozent der kleinen Läden, und sie stellten 63 Prozent der Handwerker der Stadt.
Für die Weingeschichte hat das zwei Seiten. Odesa war ein Ausgang für bessarabischen und chersoner Wein, aber ein Knotenpunkt und kein Erzeuger, und Wein war nie seine Spezialität. Zugleich war eine Stadt mit einer solchen Gemeinde selbst ein Absatzmarkt für koscheren Wein, und gerade das, nicht der Export, verbindet Odesa mit dem Thema.